Wie Genfer Jungfrauen zum Geschäft wurden

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Finanzmarktkrisen und die immense Schuldenlast von Staaten führen die Volkswirtschaften nicht erst in unseren Tagen an den Rand des Abgrunds. Ja, man könnte sagen, ein durchaus erfolgreiches Finanzmarktprodukt – gewissermaßen eine Vorform der Lebensversicherung – hat nicht unerheblich zur französischen Revolution von 1789 beigetragen. Oder, um es noch interessanter zu machen: Es waren 30 Genfer Jungfrauen, die das Ancien Régime zu Fall brachten.

Wie das? Einer der Gründe für die damals aufbrechenden Unruhen war die verzweifelte Lage der französischen Staatsfinanzen. Das Land war hoffnungslos überschuldet, wozu vor allem die Kriegslust des Königshauses sowie ein von Genfer Bankiers entwickeltes, damals außerordentlich erfolgreiches Finanzprodukt beigetragen hatte: vom Staat bezahlte Leibrenten, deren Dauer an die Lebenserwartung von 30 jungen Mädchen aus dem Genfer Bürgertum geknüpft war.

The winner takes it all

Die Ausgabe von Leibrenten war ein wichtiges Finanzierungsinstrument für den Staat. Die Bürger überließen dem Staat eine bestimmten Geldbetrag und erhielten dafür im Gegenzug regelmäßige Zahlungen, die bis zum Tode einer im Leibrentenvertrag genannten Person geleistet wurden.

Das Prinzip solchen Austauschs geht zurück auf einen italienischen Finanzier namens Tonti, weshalb solche Leibrenten auch „Tontines“ genannt wurden. In einer Tontine bündelten mehrere Anleger ihr Kapital, das sie dem Staat gegen Zahlung einer Leibrente anboten. Der Trick bestand darin, dass die Leibrente eines verstorbenen Anlegers an die Überlebenden überging. Wer also alle anderen Partner überlebte, bekam am Ende alles („The winner takes it all“). Eine Tontine war also Kapitalanlage und Lotterie zugleich.

Daraus erwuchsen allerdings auch gewisse Nachteile, die „Tontines“ waren der Tugend nicht eben förderlich. Weil es für einen Anleger lohnend war, seine Partner zu überleben, kam es immer wieder zu auffällig vielen „unnatürlichen“ Todesfällen, weshalb solche Verträge bald verboten wurden oder aus der Mode kamen.

Genfer Bankiers kamen deshalb auf die Idee, die Rentenzahlungen an das Leben 30 ausgewählter gesunder, junger Genfer Mädchen zu knüpfen. Die Leibrente musste so lange bezahlt werden, bis das letzte der jungen Mädchen als alte Frau sterben würde. Das machte die Papiere bei Anlegern wieder sehr beliebt, weil sie wegen der erwartet langen Lebensdauer der Mädchen eine hohe Rendite versprachen.

Und eben diese Popularität des Leibrentenprodukts hat dann zu jener Überschuldung beigetragen, die das Ancien Régime wenig später in den Abgrund trieb – so wie die Popularität der Kapitallebensversicherungen unserer Tage schon bald einige Versicherungsgesellschaften in den Kollaps treiben wird.

Die Assekuranzunternehmen verwalten in Deutschland rund 460 Millionen Versicherungsverträge, das heißt im Durchschnitt fast sechs pro Kopf. Allein die Lebensversicherungen verfügen in 88 Millionen Kapitallebensversicherungen über einen Anlagebestand in Höhe von 740 Milliarden Euro (das ist annähernd doppelt so viel wie die gesamten Staatsschulden Griechenlands).

Paradeprodukt der Versicherer steht vor einem absehbaren Kollaps

Dieses Geld wird sich praktisch in nichts auflösen. Bereits ab 2016 wird es zum schleichenden Crash kommen, der am Ende die Mehrheit der Deutschen treffen wird. Ausgerechnet das Paradeprodukt der Versicherer, die Kapitallebensversicherung, durch die niedrigen Zinsen der vergangenen Jahre schon deutlich angeschlagen, steht vor einem absehbaren Kollaps.

Das erste große Beben werden die noch hoch verzinsten, langlaufenden (10 bis 30 Jahre) Bundesanleihen auslösen, die ab Frühjahr 2016 sukzessive auslaufen und durch keine auch nur annähernd ähnlich verzinsten Papiere ersetzt werden können. Der Existenz etlicher Lebensversicherer und damit der finanziellen Existenz sehr vieler Menschen in Deutschland wird die Grundlage entzogen. Und das wird erst der Anfang sein.

Ab dem Frühjahr 2016 werden bis zu 35 Lebensversicherer nicht mehr wissen, wie sie ihr Kapital anlegen sollen. Laut Vorgabe müssen sie 80 Prozent ihrer Kapitalanlagen – und damit das Geld der Kunden – in „scheinbar“ sichere, festverzinsliche Bundesanleihen anlegen. Doch die Tiefzinspolitik der Zentralbanken verhindert die weiterhin notwendige Rendite, um die Altzusagen an die Versicherten bedienen zu können.

Die seit 2011 deshalb geforderte Zinszusatzreserve (d.h. die gesetzlich vorgeschriebene zusätzliche Rückstellung für Lebensversicherer, wenn der von den Gesellschaften erwirtschaftete Referenzzinssatz aus gesicherten Staatsanleihen die Garantien gegenüber den Kunden unterschreitet) und die Regulierung Solvency II mit ihren strengen Vorgaben an die Eigenmittelausstattung der Versicherungsunternehmen verschärfen die Situation noch.

Die Lebensversicherer stehen so vor einem unlösbaren Dilemma

Die Branche befindet sich schon jetzt in einer Existenzkrise, da drei Viertel der deutschen Staatsanleihen inzwischen negativ verzinst werden. Die Lebensversicherer stehen so vor einem unlösbaren Dilemma: Denn sie haben bisher bis zu 90 Prozent der Kundengelder in diese Papiere gesteckt. Ihr Geschäftsmodell gerät damit ins Wanken.

Selbst wenn Staat und Branche zunächst versuchen werden, die Pleiten – zulasten aller Versicherten – abzuwenden, werden Hunderttausende von Versicherten ab diesem Zeitpunkt die ganze Härte dieses sich immer weiter aufbauenden Crashs persönlich und ganz konkret zu spüren bekommen. Die erste Schockwelle trifft diejenigen Versicherten, deren Policen 2016 ausgezahlt werden.

Versicherte, die darauf vertrauen, mit dem Geld aus ihrer Lebensversicherung zum Beispiel das eigene Haus abzubezahlen oder ihren Ruhestand zu finanzieren, werden die unerwarteten Verluste kaum stemmen können. Die Folgen – vom drohenden Hausverkauf bis zur Altersarmut – werden verheerend sein.

Und die vielen persönlichen Crashs können sich schnell zum gesellschaftlichen Crash steigern. Denn was passiert erst, wenn die Policen der „Babyboomer“, der geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er Jahre, in großer Zahl ausgezahlt werden müssen? Da steht ein hoher zweistelliger bis dreistelliger Milliardenbetrag zur Ausschüttung an.

Heerscharen von Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern im Risikomanagement und Risikocontrolling

In der Versicherungswirtschaft arbeiten heute mehr als 500.000 Menschen, darunter Heerscharen von Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeitern im Risikomanagement und Risikocontrolling, im Schadensmanagement, in der Vertragsabwicklung und der Vertragspflege, in der Buchhaltung und im Personalmanagement. Und was tun all diese Leute.

Sie schauen auf Bildschirme und überprüfen, was viel zuverlässiger, schneller und genauer funktioniert als sie selbst, sie fungieren als menschliches Interface, sie geben Daten in Masken ein, die der Verkäufer oder der Kunde selbst in der Regel schon eingegeben haben (und sind damit übrigens die Hauptquelle der immensen Fehlbestände der Versicherer, weil derselbe Dammann, unterschiedlich geschrieben, mal mit einem „m“, mal mit einem „n“, plötzlich drei Verträge hat), sie treffen auch keine Entscheidungen mehr, sondern „entscheiden“ nur, was die Software ihnen vorgibt.

Nach meiner Einschätzung sind 60 bis 80 Prozent dieser Arbeitsplätze akut bedroht. In allen Bereichen, wo die Tätigkeit im Wesentlichen darin besteht, Muster zu erkennen und vorher festgelegte Regeln zu befolgen – und welche Tätigkeit bestünde nicht in unterschiedlich hohen Anteilen eben darin? – sind Algorithmen-gestützte Systeme den Menschen schon heute bei weitem überlegen, und zwar nicht mehr nur in den Fabriken, dort ist der Prozess schon sehr viel fortgeschrittener, sondern inzwischen branchenübergreifend. Versicherungen ebenso wie Banken, Steuer- und Unternehmensberater, Kaufleute und Sachbearbeiter wird die „Automatisierung“ als nächstes treffen.

Diese unabwendbaren Veränderungen hat auch die Politik endlich zur Kenntnis zu nehmen. Anstatt wie bisher an den Symptomen herum zu laborieren, Umsatzeinbußen beispielsweise bei den Versicherungen durch die Zertifizierung neuer Produkte (Riester-Rente) oder gesetzliche Eingriffe (Absenkung der Mindestreserve- und Garantiezinssätze) auszugleichen, oder die Banken mit Milliardensummen zu stützen und damit die Steuerzahler gleich zu doppelt Geschädigten zu machen, müsste es jetzt darum gehen, den Weg in eine digitale Wertschöpfungskette zu gestalten und darüber nachzudenken, wie etwa die Automatisierungsrendite, also der Mehrwert, der durch Maschinenarbeit entsteht, künftig sinnvoll verwendet werden soll.

Stattdessen werden die sich zum großen Teil selbst in die Krise manövrierten Finanzdienstleister „systemrelevant“ genannt. Und das sind sie in der Tat, allerdings stehen sie für ein System, das nicht mehr trägt. Sie in ihren alten Strukturen zu stützen, heißt nichts anderes, als die Misere zu verlängern und am Ende eine noch weit größere Krise heraufzubeschwören. Da wird in Wahrheit weder Finanz-, noch Wirtschafts-, noch gar Gesellschaftspolitik betrieben, das ist schlicht Arbeitsmarkt- und Steuerpolitik zum Erhalt des Status Quo.

Sven Enger

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