Wer in der Digitalisierung bestehen will, muss Loslassen können

Digitalisierung-Schiff

Als Jeremy Rifkin 1995 das »Ende der Arbeit« prophezeite, reagierte die Öffentlichkeit interessiert, zeigte sich aber keineswegs alarmiert. Und tatsächlich ist seine forsche Vorhersage, dass bis 2010 nur noch zwölf Prozent der Weltbevölkerung in der Produktion arbeiten und dass auch im Dienstleistungssektor Millionen Arbeitsplätze im Zuge der digitalen Revolution verschwinden würden, dann ja auch nicht eingetreten. Aber warum nicht? Hatte der Autor die Situation falsch eingeschätzt? Waren die Ängste, die den technischen Fortschritt seit jeher begleiten, wieder einmal übertrieben oder gar unberechtigt? Schon John Maynard Keynes hatte 1930 vor einer »neuen Krankheit« gewarnt, die er »technologische Arbeitslosigkeit« nannte, die dann aber nie wirklich zum Ausbruch kam, weil sich die Volkswirtschaften den Veränderungen stets anzupassen vermochten. Werden also am Ende auch diesmal wieder mehr Arbeitsplätze in der neuen (IT-) Industrie entstehen, als in der alten Wirtschaft verloren gehen?

Nein, in Wahrheit besteht kein Grund zu derartiger Beruhigung. Dass Rifkin danebenlag, ist sehr viel erstaunlicher, als wenn er recht behalten hätte. Die technologische Entwicklung, die sich seit dem Erscheinen seines Buches vollzogen hat, ist geradezu atemberaubend – und würde schon heute ermöglichen, so beispielsweise das Ergebnis einer Studie der Oxford Martin School, etwa die Hälfte der von Menschen geleisteten Arbeit von Maschinen verrichten zu lassen. Und der Fortschritt wird sich weiter beschleunigen, denn das Wachstum in diesem Bereich ist exponentiell. Dem mooreschen Gesetz zufolge verdoppelt sich die Leistungskraft von Computerchips etwa alle zwei Jahre. Das heißt, was zu Beginn eher gemächlich voranschreitet, hebt irgendwann ab. In dieses Stadium sind wir inzwischen eingetreten, und es ist nicht absehbar, ob wir den damit einhergehenden Herausforderungen gewachsen sind. Bislang ist jedenfalls keine nennenswerte Debatte vernehmbar, in der die Folgen der immer rasanteren Digitalisierung öffentlich bedacht werden. Solche Gedankenlosigkeit ist fahrlässig. Wir sind Digital Naives.

Als Rifkin in die Zukunft schaute, befand sich der Digitalisierungsprozess gewissermaßen am Anfang. Möglicherweise hat er die Geschwindigkeit des Wandels zu diesem Zeitpunkt überschätzt. Was er jedoch gewiss unterschätzt hat, sind die individuellen und kollektiven, die psychologischen, ökonomischen und politischen Beharrungskräfte, die sich solchem Wandel beständig entgegenstemmen. Und genau dieser Widerstand, so berechtigt er im einzelnen auch zu sein scheint – aus politischer Sicht, aus Gewerkschaftsperspektive, aus kurzfristigem ökonomischen Kalkül, aus Sicherheitsbedenken –, führt in der Summe dazu, dass die Ereignisse wie ein Tsunami über uns hereinzubrechen drohen, ohne dass wir im Mindesten darauf vorbereitet wären. Da Menschen dazu neigen, die kurzfristigen Effekte einer Technologie zu überschätzen, die langfristigen Folgen hingegen zu unterschätzen, vollzieht sich derzeit ein ökonomischer wie gesellschaftlicher Wandel, der seltsam unreflektiert bleibt. Ein Frühwarnsystem jedenfalls, etwa eben eine Debatte über unseren Umgang mit den absehbaren Folgen des Wandels, gibt es nicht.

Dabei ließe sich so manche Lehre aus der Vergangenheit ziehen. Das Festhalten am Hergebrachten in einer sich wandelnden Umwelt, mündet immer in einer Krise – die umso schwerer ausfällt, je länger man die Augen vor den Veränderungen verschließt und versucht, die ersten spürbaren Verwerfungen etwa mit erhöhtem Marketingaufwand zu verschleiern oder sie – wie erst jüngst geschehen – mit der Gründung eines Rettungsfonds abzufedern, statt ihnen mit Innovationen und klaren Maßnahmen zu begegnen.

Klare Maßnahmen sind auch weiterhin nicht in Sicht. Zwar scheint sich die Situation langsam zu verändern: Die Bundesregierung hat eine »digitale Agenda« vorgelegt, Drohnen erobern die Freizeitindustrie, Unternehmerverbände bieten allerlei Workshops und Seminare zum Thema Digitalisierung. Schaut man sich die Leitfäden, Programme und Angebote jedoch genauer an, verbleibt das Meiste auf einer Art Waschzettel- und To-Do-Niveau – mit mehr oder weniger hilfreichen Hinweisen, wie wir mit den quasi naturgegebenen Neuerungen umzugehen haben. Das heißt, wir nehmen uns selbst ganz überwiegend als User wahr und werden als solche in den Blick genommen, es geht um unsere Anschluss-, nicht um unsere Gestaltungsfähigkeit.

Kurzum, über Digitalisierung wird inzwischen zwar viel geredet, aber immer noch zu wenig nachgedacht. Nur gelegentlich scheint die tatsächliche Dramatik auf, in den Tagen der Finanzkrise etwa, als der Investor Warren Buffet die Zaubermittel der Finanzindustrie als »finanzielle Massenvernichtungswaffen« brandmarkte. Im Alltäglichen jedoch nimmt man die Entwicklung wie ein Naturgeschehen zur Kenntnis. So kommt es etwa, 20 Jahre nach Rifkins Vorhersage, zu dem erstaunlichen Phänomen, dass wir zwar alle erdenklichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erörtern, einen drohenden Fachkräftemangel beschwören oder Ausbildungspakte schmieden, der entscheidenden Frage aber ausweichen: was angesichts der digitalen Umwälzungen überhaupt noch als Arbeit angesehen werden kann.

Aktuelle Studien renommierter Institute (etwa der Oxford Martin School, der Frauenhofer Gesellschaft oder des MIT) kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren rund die Hälfte der uns heute bekannten Arbeitsplätze verschwunden sein werden. Alle Arbeit, die erkennbaren Regeln folgt – und welche wäre das nicht – werde zunehmend auf Maschinen und Computeralgorithmen übergehen. Hunderttausende Beschäftigte (z.B. Sachbearbeiter oder Mitarbeiter in Personalabteilungen und Buchhaltungen) sind ja schon heute im Grunde nichts anderes als – überflüssige – menschliche Interfaces: Sie schauen auf Bildschirme und überprüfen, was viel zuverlässiger, schneller und genauer funktioniert als sie selbst. Von solcher Tätigkeit befreit zu sein und damit die Utopie eines Lebens ohne peinigende Arbeit endlich Wirklichkeit werden zu lassen, wäre doch, so mein erster Gedanke, tatsächlich ein Segen. In Wahrheit kündigt sich hier aber zunächst einmal ein tektonisches Beben an, das Gesellschaft, Ökonomie und Finanzsystem buchstäblich umwälzen wird.

Selbstverständlich behaupten diese Studien nicht, dass alle Menschen, deren Arbeit ins Digitale entschwindet, der Arbeitslosigkeit anheimfallen. Natürlich wird es neue Berufs- und Betätigungsfelder geben, in die ein Teil der von repetitiver Arbeit Entlasteten ausweichen wird. Es wäre aber naiv zu glauben, dieser Anteil könnte den Arbeitsmarkt auch nur annähernd stabilisieren. Laut Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit gab es 2014 in Deutschland rund 43 Millionen sozialversicherungspflichtige Erwerbstätige; hinzu kommen gut vier Millionen Selbstständige und knapp zwei Millionen Beamte. Wenn also die Vorhersage der Forschungsinstitute zutrifft, reden wir von rund 25 Millionen Menschen, die sich neu orientieren müssen. Da helfen weder Beschäftigungsprogramme noch die avanciertesten digitalen Geschäftsmodelle, da werden wir völlig neu über die Organisation von Gesellschaft, über Allokation und Teilhabe nachdenken müssen, um den unaufhaltsamen Wandel zu unserem Vorteil zu gestalten.

Als der Conquistador Cortès in Mexiko landete, ließ er vor den Augen seiner Mannschaft die Schiffe verbrennen. Damit war, für alle sichtbar, der Rückweg abgeschnitten. Denn solange die Möglichkeit zur Rückkehr bestand, das wusste Cortès, würde die Eroberung der Neuen Welt nicht gelingen, würden das Heimweh, die Sehnsucht nach dem Alten die Oberhand behalten. Nun ist das Beharren auf dem Bestehenden eine keineswegs unberechtigte Position. Natürlich soll geprüft und entschieden werden, was es zu bewahren gilt. Kompliziert wird die Sache allerdings dort, wo man sich, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Gedankenträgheit, von der allgemeinen Bewegung nur mitziehen lässt. Wo der Mainstream herrscht, goutiert man die Genüsse des Neuen, beharrt aber ebenso lautstark auf den Sicherheiten des Alten. Das wird so nicht zu haben sein. Wir sollten also einige Schiffe versenken, um auf die anstehenden Veränderungen, die mindestens so viele Chancen wie Risiken beinhalten, nicht nur zu reagieren, sondern sie aktiv mitzugestalten.

Die klassische Erwerbsarbeit, klassische Produktions- und Eigentumsverhältnisse sind solche Dampfer. Solange wir daran festhalten, anstatt beispielsweise zu überlegen, wie wir den durch Maschinen und Algorithmen geschaffenen Mehrwert neu verteilen, wird uns die
Eroberung der neuen digitalen Welt nicht gelingen.

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Sven Enger

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