Unser drittes Treffen: Nikolina Stanic und Sabine Meisel

Nikolina u rio

Nikolina: Nichts ist mehr wie es war. Damals, in meinem kinderlosen Lebensabschnitt, galt „eine Frau, ein Wort“. Ich war beruflich immer gut ausgelastet, tanzte auf unterschiedlichen Hochzeiten, immer bereit für neue Herausforderungen, immer bereit alles zu geben. Ich war mir meiner Fähigkeiten bewusst, wusste, was ich konnte, wusste, dass ich konnte. Dann eine unfreiwillig einjährige Auszeit, mein Körper rebellierte. Gleichzeitig die ganz grosse Liebe, kurz darauf Hochzeit, klein und romantisch im schwimmenden Belle-Epoque Cabaret in Zürich. Ein paar Monate später grosses Staunen über den positiven Schwangerschaftstest, es hatte beim ersten Versuch geklappt! 9 Monate Glückshormone pur, die schönste Zeit meines Lebens! Nur.. mein Doktoratsstudium begann zur Herausforderung zu werden. Es galt zweimal wöchentlich von Zürich nach Genf zu reisen, ganz abgesehen von den Vorbereitungen für die anstehenden Seminare, ein Kraftakt, der all meine Wochentage voll in Anspruch nahm. Mein Bauch spannte. Dann, als „reiseunfähig“ deklariert, arbeitete ich mit Einwilligung der Uni von zu Hause aus. Ich schaffte es, ich konnte. Schliesslich kam Rio auf die Welt, eine Welt, welche von da an monarchische Züge aufwies: Er schrie, wie gehorchten. Wie ein Blitz nistete sich die royale Wenigkeit in unsere Herzen ein und dennoch, ich vermisste ziemlich schnell die intellektuelle Denkarbeit und sehnte mich danach, mal wieder die Zeitung aufzuschlagen. Mittlerweile hatte die Syriza-Partei in Griechenland die Wahlen gewonnen, wie konnte ich dies nur verpasst haben?! Nach sechs Monaten war der Mutterschaftsurlaub vorbei, es warteten eine Dozentenstelle (4h pro Woche) und meine Doktorarbeit auf mich. Ich freute mich! Und so ging es los, zwei Tage die Woche KITA für Rio, die restlichen Tage geteilte Erziehungszeit zwischen mir und meinem Liebsten. Theoretisch. Praktisch herrschte Stagnation. Unser Kind schlief nicht, zumindest nicht mehr als ein paar wenige Stündchen pro Nacht, mein Denkorgan lief auf Sparflamme. Und so geschah es immer öfters, dass ich bereits nach ein paar Stündchen Arbeit einnickte, welch Wonne! Dann kam der Herbst. In Kombination mit der KITA ein Virengenerator par excellance! Rio wurde krank, dann ich, dann er, dann mein Mann, und alles gleich noch einmal bitte, wochenlang blieb alles stehen, auch die Arbeit. Ich begann zu begreifen, dass mein Können nun nicht mehr nur von mir abhing, unser König herrschte gnadenlos. Die Abgabetermine drückten, und in meinem Kopf hämmerte es: du schaffst es nicht, du schaffst es nicht!

Sabine: Nikolina rauscht  mit ihrem Baby ins Cafe „für Dich“ , der Kleine ist kräftig gewachsen, aber sie trägt ihn noch im Snuggli, weil die Strassenbahnen im Feierabendverkehr sehr voll sind. Sehr kritisch beguckt er mich, mit sieben Monaten ist er leicht am Fremdeln, ein wichtiger Entwicklungsschritt, ich sitze in ausreichender Distanz zu ihm, damit er mich in Ruhe beäugen kann. Seit dem letzten Mal hat er richtig gelernt vom Löffel zu essen, die Umgebung bleibt erstaunlich breifrei, mit der Mahlzeit hebt sich auch seine Stimmung, ein zartes Lächeln verzaubert sein Gesicht, ich strahle zurück, in für ihn sicherer Entfernung.

„Du, ich bin so froh, dass wir uns heute treffen, ich überlege meine Dissertation hinzuschmeissen.“ Legt Nikolina los und schiebt ihren Michkaffee zur Seite, damit er vom Kleinen nicht umgeschüttet wird.

„Was“, ich verschlucke mich fast an meinem Kräutertee.

„Ich kann Rio nicht ein Jahr in die Ecke stellen, um an der Doktorarbeit konzentriert zu arbeiten und ich bin so müde.“

„Das erste Jahr kostet sehr viel Kraft. Nein, Rio braucht Dich noch sehr. Aber hinschmeissen muss doch nicht sein, verschieben wäre doch eine Lösung, sprich mit der Uni.“

„Ich weiss nicht, ich mag eigentlich nicht darum betteln.“

„Ich würde alles versuchen, nicht, dass du das  Versäumnis in ein paar Jahren bereust und dich ärgerst, nicht doch gefragt zu haben.“ Der Kleine steckt sich mittlerweile die Haare seiner Mutter in den Mund. Daher kommt wohl der Spruch:

„ ich habe dich zum Fressen gern“, denke ich, und das Begreifen und Lernen ein sinnliches Erlebnis ist. Je enger die Bindung im ersten Jahr, desto besser.

Unser Tastsinn ist der erste Sinn, er entwickelt sich beim Embyo etwa in der achten Woche und ist der Sinn, der am wichtigsten ist. Damit sind nicht nur die Tastkörperchen gemeint sondern unser gesamter Körper.

„Kannst du ihn mal nehmen, ich muss mal auf die Toilette.“ Nikolina drückt mir den Kleinen in die Hand. Nun stehe ich mit diesem süssen 7 Monate alten kleinen Burschen Wange an Wange,  schaue mit ihm aus dem Fenster, Autos fahren vorbei und ich flüstere ihm ins Ohr, wie schön es ist, ihn in den Armen zu halten. Er lächelt mir zu.

„Nikolina kommt zurück, strahlt bei unserem Anblick: „Du hast recht, ich frage die Uni. Und bei Dir?“ „Der Schreibclub mit den Kids macht richtig Spass, ich habe einen 10 jährigen Dichter dabei. Kurz und intensiv war der andalusische Recherche-Trip gewesen, aber unheimlich wichtig, ich bin in der End-Schreibphase meiner Novelle. Magst du die Novelle mal lesen und mir eine Rückmeldung geben?“

Nikolina, nickt, wir strahlen uns an, Freunde durch Coeur geworden und freuen uns auf das nächste Treffen im Januar.

Nikolina u rio

 

Sabine Meisel

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