Mein Leben im Jahr 2030

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Als ich in der zehnten Klasse war, besuchte ich einen Kurs für kreatives Schreiben. Wir lernten die Grundlagen des Schreibens, der Rechtschreibung und alles über Metaphern und Ironie. Einer unserer Aufsätze beinhaltete das Thema „Mein Leben im Jahr 2030“. Damals schrieb ich einen utopischen Text über mein Leben als erfolgreiche Autorin und Mutter dreier Kinder. In meiner damaligen Vorstellung war der Umweltschutz kein Thema mehr und alles war schön. Heute (ungefähr 5 Jahre später) würde ich den Text gerne revidieren und korrigieren. Er lautet nun wie folgt:

Ich wache auf und schaue neben mich. Dort liegt meine Freundin. Sie schläft noch und ich stehle mich aus dem Bett. Unser Kater streift um meine Beine und ich beschließe, ihm Futter zu geben. Auf meinem Weg in die Küche schaue ich mich um. Unsere kleine Wohnung ist dunkel. Die Jalousien gehen nur noch selten hoch, denn die Nachbarn warten nur darauf, dass wir uns verraten. In der Küche stelle ich das kleine Radio ein und eine männliche Stimme berichtet über die Menschen, die in der letzten Nacht gefangen genommen wurden. Es sind meistens geistig Behinderte oder Verbrecher. Als ich den Kater füttere, reicht es mir und ich stelle das Radio wieder ab.
In diesem Augenblick betritt meine Freundin die Küche und schaltet die Kaffeemaschine ein. Seit die neue Regierung an der Macht ist, ist es zwischen uns sehr still geworden. Zu groß ist die Angst, etwas falsch zu machen. Ich sehe die blauen Flecke an ihrem Arm. Ihr Chef und ihre Kollegen haben uns am Abend zuvor gesehen, wie wir uns vor dem Kino geküsst haben. Sie haben uns verfolgt und wollten die Polizei rufen, denn Homosexuelle werden aus der Gesellschaft ausgestoßen wie Sondermüll. Noch vor fünfzehn Jahren, als meine Freundin und ich uns kennengelernt haben, hatten wir auf die „Ehe für alle“ gehofft, doch jetzt hoffen wir nur noch, nicht eingesperrt zu werden. Niemand weiß, was passieren wird, wenn man einmal von der Polizei abgeholt wurde. Unsere Familien haben den Kontakt auf ein Minimum beschränkt. Meine Mutter floh mit meinem Bruder nach Irland. Dort ist es sicherer. Uns fehlte bisher das Geld. Auch wird das Ausreisen von Tag zu Tag schwerer.
Flüchtig gibt meine Freundin mir einen Kuss und steckt sich eine Zigarette an. Nachdem die AfD an die Macht kam, fingen wir wieder mit dem Rauchen an.
Wer weiß, wie lange wir noch leben“, war ihre Aussage damals.
Es klingelt an der Tür. Wie jedes Mal zucken wir zusammen. Doch es ist nur meine beste Freundin. Auch sie hat es schwer. Als Krankenschwester sieht sie tagtäglich Opfer des Regimes nach der Folter. Ihre blinde Mutter bekam vor wenigen Monaten „den Gnadenschuss“. Dass diese ein vollwertiges und arbeitendes Mitglied unseres Staates war, sahen die Behörden nicht ein. Meine beste Freundin leidet sehr darunter. Ihre Augenringe verraten ihre Sorgen. Sie tarnt sich seit Jahren als „normaler“ Mensch, doch so langsam fällt es auf, dass sie nicht die „erstrebenswerten“ drei Kinder hat. Ebenso wenig wie wir.
Ich lasse sie herein und schenke uns allen Kaffee ein. Wieder ist es still.
Wie geht es euch?“, fragt meine beste Freundin irgendwann leise. „Du sagtest gestern was von einem Überfall?“
Meine Freundin nickt.
Meinen Job werde ich wohl nicht mehr weitermachen können“, flüstert sie. „Schade eigentlich.“
Betrübt starren wir auf den Küchentisch. Seit einigen Jahren bangen wir um unsere Existenz. Denn ohne Arbeit, haben wir keine Absicherung, können wir die Miete nicht zahlen, enden wir auf der Straße. Wir würden zusammenbleiben, ohne Zweifel, doch wenn uns dann jemand sieht…
Wir hauen ab“, sagt meine beste Freundin. „Jetzt.“
Wir schauen auf und sehen eine Entschlossenheit in ihren Augen, die ich bisher nur gesehen habe, wenn sie zu ihren Gürtelprüfungen angetreten ist. Damals, als Mädchen noch Kampfsport betreiben durften. Also offiziell. Inoffiziell trainierte sie weiter. Auch uns hatte sie die Grundlagen der Selbstverteidigung beigebracht. Andernfalls hätten wir den Angriff am Vorabend wohl nicht so gut überstanden.
Meine Freundin und ich nicken. Wir hatten uns so etwas schon gedacht. Sobald keiner von uns mehr eine Arbeit haben sollte, hauen wir ab. Und mir wird bewusst – genau damit haben unsere Probleme damals angefangen. Menschen, die vor Armut und Gewalt in ein anderes Land fliehen müssen. Leider hat unsere Gesellschaft damals nicht gerade gut reagiert. Unsere Hoffnung besteht daher darin, ein, wenn nicht glückliches, dann aber ein normales Leben zu führen.
Innerhalb der nächsten Stunden packen wir jeweils eine Sporttasche und einen Rucksack zusammen. Der Kater kommt in seine Transportbox und schläft augenblicklich ein. Sein Futternapf und das restliche Trockenfutter landen in dem Rucksack mit unserem Proviant. Es ist, als ob wir uns für einen längeren Urlaub vorbereiten. Nur, dass unsere Glieder vor Angst schlottern. Ich versuche, mich an die Liste zu halten. Diese hatten wir vor einigen Jahren geschrieben. Darauf stehen Dinge, die wir im Falle des Falles mitnehmen und an die wir denken wollten. Kleidung, zwei dünne Decken, Duschgel, Zahnbürste, Zahnpasta, Desinfektionsspray und Haarbürsten sind nur einige essentielle Dinge, die wir mit der Zeit auf Vorrat haben, damit wir nicht in die Verlegenheit kommen, fast leere Packungen mitnehmen zu müssen. Jeder von uns darf ein Buch, zwei Stifte und ein Notizbuch einstecken, sowie eine Packung Gummitiere und Schokolade. Ab jetzt Luxus, wie wir wissen. In diesem Moment war ich furchtbar froh über die Liste. Sonst hätte ich wohl Taschentücher und unsere Medikamente (die Antibaby-Pille, Allergietabletten, Kopfschmerztabletten, Beruhigungsmittel und Creme gegen meine Stellen auf der Haut) vergessen. Alles landet gerecht aufgeteilt in unseren Taschen.
Ich unterdrücke ein Schluchzen. Alles, was wir uns unter Müh und Not aufgebaut hatten, ist unwichtig geworden und mit einem Mal verschwunden. Ich spüre, wie meine Freundin ihre Arme um mich legt. Ich spüre ihre Furcht, die meiner gleicht.
Es wird alles wieder gut“, flüstert sie.
Als es Abend wird, kehrt meine beste Freundin zu uns zurück. Auch sie hat eine Sporttasche und einen Rucksack. An ihrer Hand sehe ich etwas, das wir wohl vergessen hätten – ein erste Hilfe Set.
Eine Krankenschwester dabei zu haben, wird wohl von Vorteil sein“, witzelt meine Freundin wenig glaubhaft.
Sie hat Recht. Wenn uns irgendetwas passieren sollte, haben wir eine Chance. Ich atme tief durch und beruhige mich ein wenig. Wer hätte geglaubt, dass es jemals so weit kommen würde? Als damals, 2017, die großen Bundestagswahlen anstanden, waren wir drei darauf aus, die Partei zu wählen, die am wenigsten gegen unseren Lebensstil arbeitete. Leider verliefen alle Bemühungen im Sand. Stattdessen trat die Partei an die Hebel, die uns am wenigsten leiden konnte. In diesem Augenblick stürzte unsere Welt ein.
Ich schüttele die Erinnerung daran ab und greife nach meinen Taschen.
Wir wechseln uns mit dem Tragen des Katers ab, okay?“, frage ich in die Runde.
Beide nicken. Ich hebe die Transportbox an.
Und los“, sage ich. „Wir müssen noch zur Bank und das Geld abholen. Arbeitet deine Schwester heute?“
Meine beste Freundin nickt erneut. Alles war wie abgesprochen. Ihre Schwester weiß Bescheid, würde uns aber nicht verpfeifen. Sie würde uns mehr auszahlen als das gesetzlich vorgeschriebene Maximum und dann wären wir mit der nächsten Fähre weg. Natürlich nur, wenn alles gut geht.
Im Schutz der Dunkelheit schleichen wir uns zum Kreditinstitut in der Innenstadt, darauf aus, nicht gesehen zu werden. Überall stehen Polizeikräfte herum. Drei Frauen mit Sporttaschen fallen auf, schießt es mir durch den Kopf. Doch die Männer in den Uniformen sind viel zu beschäftigt mit anderen Dingen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie auf zwei weitere Männer zugehen, die auffällig schwul sind. So wie sie aussehen, waren sie ebenfalls auf dem Weg zu den Fähren. Schade für sie. Wir beschleunigen unsere Schritte.
Als wir aus dem Kreditinstitut herauskommen, müssen wir uns beeilen. Der Kater in der Transportbox miaut kläglich. Meine Freundin steckt ihm eine Leckerli-Stange aus ihrer Jackentasche zwischen die Gitterstäbe der kleinen Tür, damit er Ruhe gibt. Eine miauende Katze erregt nur unnötige Aufmerksamkeit. Ich merke, wie ihre Hand in meine gleitet, doch ich zucke zurück. So kurz vor unserem Ziel will ich nicht von den Angst einflößenden Beamten angehalten werden, nur weil die Liebe meines Lebens meine Hand hält. Sie versteht ohne ein Wort und steckt ihre Hand zurück in die Jackentasche.
Am Hafen angekommen spricht meine beste Freundin mit dem Mann im Fährhäuschen. Sie schiebt ihm Schmiergeld durch den Schlitz und dann dürfen wir das Schiff passieren. Eine Fahrkarte kostet 250 Mark, eine neue Währung seit Deutschland nicht mehr zur EU gehört. Es schrumpft unser Budget erheblich, doch das ist uns egal. Auf der Fähre angekommen, atmen wir das erste Mal so richtig aus. Alles ist gut gegangen. Bis jetzt. Was auf der anderen Seite der Ostsee auf uns wartet, ist ungewiss. Ich hoffe, es ist ein besseres Leben, denn eines voller Angst und Gewalt, nur weil ich eine Frau bin, die eine Frau liebt, will ich nicht. Angst haben zu müssen, auf der Straße weg gegriffen zu werden, ist etwas, das mich in meinen Grundmauern erschüttert hat.
Wir lassen uns an einem Tisch nieder und ich beginne, einen Brief an meine Mutter und an meine Großeltern zu schreiben. Sie sollen wissen, dass meine Freundin, meine beste Freundin und ich in Sicherheit sind. Und das wir die ganze Sache überleben werden. Anders als das schwule Pärchen aus der Innenstadt.“

So würde der Text heute lautet. Im Gegensatz zu meinem utopischen und bunten Text einer 15jährigen wirkt dieser eher trist und als ob er direkt aus dem Jahr 1935 stammen würde. Doch das ist nicht wahr. Nicht einmal 100 Jahre später stehen wir an einem Wendepunkt, der die Geschichte sich wiederholen lassen könnte.

Vanessa

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