Ins Leben zurück – Michaels Geschichte

Jede Krise birgt eine Chance. Jede Herausforderung, die wir annehmen, macht uns stärker. Nur der Tod ist endlich.
Derartige Aussagen gibt es unendlich viele. Wir meistern das Leben und leben als Meister der Improvisation den Alltag.
Aber wie sieht es wirklich aus, wenn uns das Leben, das wir zu beherrschen glauben, vor Herausforderungen stellt, die an erster Stelle unbezwingbar wirken?
Und wenn es uns auch erstmal scheinbar nimmt, was wir brauchen, um uns Herausforderungen entgegenzustellen – unsere Fähigkeit zu Denken, uns zu erinnern, logische Schlüsse zu ziehen, sprich, unsere Kognition.
In diesem Blog begleite ich einen Menschen, der genau dies erlebt hat.
Es ist die Geschichte von Michael, der im Juli 2014 von heute auf morgen im Alter von 48 Jahren einen Herzstillstand erlitt, für den es auch heute noch immer keine richtige medizinische Erklärung gibt. Und der seitdem wieder einen Weg zurück in die Gesellschaft sucht.

Es waren nur zwei Minuten, die sein Gehirn dann ohne Sauerstoff auskommen musste, bis seine Mitbewohnerin, die in diesem Moment nach Hause kam, ihn fand, wiederbelebte und den Notarzt rief. Doch der hypoxische Hirnschaden, wie die Ärzte es nannten, sorgte für bleibende Schäden. Die Wahrnehmung war gestört. Die Motorik ebenfalls, das Laufen und kontrollierte Bewegungen waren unmöglich. Das Denken erschien in einem einzigen Nebel, das Gedächtnis litt unter massiven Einbußen.
Was folgte waren Wochen auf der Intensivstation und dann die Verlegung in eine neurologische Rehabilitationsklinik. Nach wochenlanger Therapie, hatte er genügend motorische Fortschritte gemacht, dass er das Krankenhaus mit Rollator verlassen konnte. In seinem Kopf sah es noch nicht ganz so klar aus. Vor allem Orientierung und die Konzentration waren problematisch.
Er bekam einen Platz im einem Heim für post-akute Neurorehabilitation. Hier wohnt er jetzt seit einigen Monaten.
Und hier treffe ich ihn heute und höre mir seine Geschichte an. Ich will ihn die folgenden Monate begleiten, seine Fortschritte dokumentieren und – mit seinem Einverständnis- ein wenig der Frage nachgehen, was das Leben eigentlich noch lebenswert macht, wenn uns so viel genommen wurde an eigenen Fähigkeiten.
Wie lange er noch bleibt in diesem Haus, das v.a jungen Menschen die Integration in die Gesellschaft ebnen will, das wisse er nicht. Vielleicht noch ein halbes Jahr. Derzeit kann er an einer Krücke laufen – die will er noch loswerden. Und natürlich kognitiv wieder fit werden. An weitere Ziele wage er derzeit noch nicht zu denken. In seinen früheren Beruf als Selbständiger im Bereich Wirtschaftsinformatik zurückzukehren erscheint weit weg.
Aber einen konkreten Wunsch hat er dann doch. Er möchte die Frau wiedertreffen, die ihm damals das Leben gerettet hat. Doch genau hier spielt ihm sein Gedächtnis einen Streich. Er weiß, dass er noch nicht lange mit ihr zusammengewohnt hat, aber er weiß nicht mehr, wo er sie kennengelernt hatte. Er hat eine Telefonnummer und einen Namen, jedoch geht sie nicht ans Telefon und er weiß nicht, wie er sie sonst ausfindig machen kann.
Eigentlich hat er ihr nicht viel zu sagen. Nur bedanken will er sich dafür, dass er noch am Leben ist.

Rebecca Griessler

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