Humor und ein soziales Netz in Krisenzeiten

Pictofigo_Friendship

Ich folge heute der Einladung zu Michaels Geburtstag. 49 wird er und eingeladen hat er in den Aufenthaltsraum des Heimes, das derzeitig sein Zuhause darstellt. Es ist sein erster Geburtstag, seit er den Herzstillstand hatte und er erzählt mir im Vorfeld schon von seiner Dankbarkeit darüber, diesen bei vollem Bewusstsein zu erleben. Er erzählt mir auch von seiner Dankbarkeit gegenüber all jener Freunde, die ihn in den letzten Monaten treu begleitet haben.
Als ich ankomme bin ich positiv überrascht, wie viele Menschen sich für ihn versammelt haben. Den Überblick verliere ich schnell bei der Vorstellungsrunde, grob gesehen sind viele alte Freunde aus unterschiedlichsten Lebensphasen da, viel Familie und außerdem auch noch ein paar Therapeuten aus den verschiedenen Krankenhäusern, die er bisher durchlaufen hat.
Er hat ein Talent, die Leute mit seiner Offenheit und seinem Humor an sich zu binden.
Letzteren zeigt er besonders, wenn es seine eigenen Schwächen betrifft. So zeigt er stolz sein Handy, das er seit Kurzem wieder bedienen kann und beschwert sich im nächsten Satz über sich selbst lachend darüber, dass es definitiv nicht behindertengerecht sei, viel zu klein seien die Buchstaben auf dem Display.
Die Runde ist munter gestimmt. Ein ehemaliger Pfarrer ist mit dabei, er hat seine Gitarre und eine Menge Liederhefte mitgebracht. Gesungen wird so ziemlich alles von den Beatles über Reinhard Mey bis hin zu Volksliedern und modernen Popsongs.
Gegessen und getrunken wird ebenfalls eine Menge, die Gastfreundschaft von seiner Tante und seinem Onkel, die sich um das Essen gekümmert haben, ist enorm.
Ich schaue mich um und bin gerührt angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der umgegangen wird. Man stört sich nicht an so manchen linkischen Bewegungen und dem Grimassieren, das bei Michael noch recht auffällig ist. Man behandelt ihn als das, was er ist, nämlich ein langjähriger Freund, der zwar kognitiv und physisch gelitten hat, aber nichts an seiner früheren Persönlichkeit eingebüßt hat.

Gefeiert wird bis zehn Uhr abends, dann muss laut Vorgabe des Heimes Ruhe herrschen. „Ist ein wenig wie ein Schullandheim“ kommentiert Michael dies trocken.
Zum Schluss drückt er mir dann eine Schachteln Pralinen in die Hand, weil er davon viel zu viel hat. Und verabschiedet sich grinsend mit den Worten :“und falls ich heute Abend irgendwie überfordert gewirkt habe, dann weil ich‘s war!“
Das wiederum kann ich gut verstehen. Gastgeber zu sein, ist auch im gesunden Zustand schon anstrengend genug. Was ich ihm lieber nicht sage: die Pralinen, die er mir zum Abschied geschenkt hat, hatte ich ihm im Vorfeld zum Geburtstag mitgebracht. Manchmal lässt ihn sein Gedächtnis doch noch im Stich.

Rebecca Griessler

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