Eindrücke aus dem atemberaubenden Tanzania

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Amélie Günther

Als ich am 4. Januar in Tanzania ankam, war ich noch ganz durch den Wind und dachte mir ,wie so mancher der sich auf solch eine Reise begibt: “Weshalb mache ich diese Reise überhaupt? Mir ging es Zuhause doch so gut. Wieso habe ich diesen kuscheligen Ort verlassen um… naja was? Was suche ich denn mit dieser Reise?”.

Es war meine erste große Reise ohne Begleitung von zuhause weg, meine erste Reise überhaupt nach Afrika. Ich hatte bis dahin nur vieles Gutes gehört. Freunde und Bekannte erzählten, dass dich der Kontinent verblüfft und verzaubert und dass du dort tolle Erfahrungen machen wirst. Was das angeht wurde ich auch kein bisschen enttäuscht.

Die ersten Momente im Land gaben auch schon so einen groben Überblick auf was ich zu erwarten hatte. Während der Fahrt vom Flughafen fuhren wir durch unendliche Weiten der Landgebiete und durch die armen Dreckstrassen des Landes. Die Leute, zum größten Teil barfuß laufend, arbeiteten auf den Ackern und hatten als einzige Erntehilfe ihre Haken und bestenfalls mal eine oder zwei Kühe die zum ziehen des Flugs aushelfen konnten. Pro Haushalt gab es immer mindestens einen ca. 25-40 m2 großen Garten der für den Anbau der basischen Lebensmitteln der Familie genutzt wird. Welche in diesem Fall immer große Maispflanzen, 5/6 Bananenbäume ( die ausserdem zum ausgrenzen des Ackers verwendet wurden) und Bohnen oder Reis sind. An fast jedem Eingang der Haushalte sitzt eine ältere Dame die Avocados, Mangos oder Bananen zum Verkauf stellt. Hin und wieder mal erkennt man einen größeren Stand der von zwei bis drei Damen die dann auch gegrilltes Fleisch (Nyama), Maiskolben und manchmal sogar Fisch verkaufen. Währenddessen sind die meisten Männer entweder in der Stadt und arbeiten dort als Zigarettenverkäufer, Taxi- oder Pikifahrer (die Motorräder die dich von A nach B fahren), Marktler der in den Strassen läuft und die zufälligsten Objekte verkäuft, oder sitzen Zuhause und diskutieren untereinander während sie Karten spielen.

Dies ist aber auch hauptsächlich die Seite die man als weisser dort zu sehen bekommt. Man sagt nämlich, dass es in Tanzania zwei parallele Wirtschaftssysteme gibt. Einerseits das Lokale Geschäft und das (noch-)kapitalistische Wirtschaftssystem der Regierung und der Unternehmen. Andererseits präsentiert sich auch die Touristenwirtschaft. Diese ist ein so großer Anteil ihrer Einnahmen, dass es dafür ein zweites separates System existiert. Dieses dreht sich um alles was die Touristen und ausländischen Arbeiter angeht: die Hotels und alle Orte die von der Weissen, Indischen und Asiatischen Gesellschaft besucht werden. Diese sind oft mehr als ein 10-faches teurer als die Orte, die von den lokalen Bewohnern besucht werden. Wenn man z.B. in ein lokales Restaurant am Rande der Stadt und ein traditionelles ‘Wali-Nyama’ (Reis mit Bohnen, ein Spinat und Fleisch, meistens Rind) bestellt geht der Preis nur selten über 3000 Tsh (Tanzanian Shilling), was etwa einem Euro fünfzig entspricht. Wobei man dann in den zentraleren ‘Touristen-Restaurants’ für eine ganz banale Chilli Con Carne mind. 17 000 Tsh (ca. 8€) hinlegen muss. Ausserdem ist  das Land so organisiert, dass man als Tourist nur selten an die wirklich lokalen Ecken des Volkes kommt und, dass die Armut im Land auch eher ein Tabu ist, über das niemand gerne spricht. Es ist fast so als sei alles ein schlechtes Theater mit einem zerfetztem Bühnendekor das Blick auf das wahre Leben dort verschafft. Deshalb kommen alle weissen und ‘Ausländer’ in eine gleiche Gruppe die sich immer wieder in den gleichen Orten wiederfinden. Auch was das Essen angeht, wirst du, wenn du dir nicht Mühe gibst mal in den richtig lokalen Essendstände zu gehen, wirst du immer nur europäisches oder Asiatisches Essen aufgetischt kriegen. Wir hatten Glück einige Leute aus der Gegend gut zu kennen, mit denen wir uns dann auch in diese Art von Imbissen gebracht haben.

Daher kommt es für einen herkömmlichen Weissen leider nicht so sehr dazu, viel von der Kultur mitzukriegen und zu erleben. Obwohl meine Freunde und ich unser bestes gegeben haben um uns dort so gut wie möglich zu integrieren und mehr von deren Kulten mitzukriegen, d.h. wir haben uns oft mit Sport oder einfach in der Strasse plaudern mit denen angefreundet und auf diese Art und Weise einen guten Bund zu ihnen führen können und sind dann mit ihnen ausgegangen oder haben wir mit unseren Piki-piki Fahrern geraucht, war es nur schwer von deren tatsächlichem Leben mitzukriegen. Und wir hatten zudem den magischen Schlüssel, dass wir als Lehrkräfte oder Erzieher dort aktiv waren und deshalb uns die Leute wenigstens etwas Ansehen geschenkt haben.

Einer unserer Freunde, Namens Hillary, ist heute ein Privater Taxifahrer und fährt hauptsächlich die Weissen durch die Gegend. Gemeinsam haben wir viele wundervolle Orte aus der Gegend entdeckt. Zum Beispiel waren wir bei den unglaublich schönen Wasserfällen am Fuße des Kilimanjaro und bei den berühmten ‘Hot Springs’, ein Wasserloch mitten in der tansanischen Wüste, dass durch das Magma des Kilis erwärmt wird. Er ist es auch der uns das lokale ‘Maji‘ gezeigt hat. Das purridgeartige Getränk ist typisch für die Region. Es wird mit Mais, Milch, Zucker und weitere geheime Rezepturen gemischt und wird wie in einem drive-in serviert. Man parkt sich mit dem Auto in die Strasse in dem sich auch der Maji-stand befindet. Dann kommt die nette Dame und man bestellt die Anzahl an Maji-Bechern die man gerne hättet. Keine 10 Minuten später bringt die Dame den/die Becher und man trinkst dann seinen Becher im Auto. Sobald man fertig ist kommt irgendwann die Dame zurück, nimmt die Becher und die Zahlung auf.

Hillary war so einer der einzigen die mir und den anderen mehr von ihrem Privatleben anvertraut haben. Hauptsächlich vieles über seine Vergangenheit hat er uns erzählt aber auch vieles über seine aktuelle Lebensweise und über seine Familie. Er wuchs in einem kleinen Dorf zwischen Arusha und den ganzen Nationalparks. In der Nähe des Lake Manyara ist er bei seiner Oma mit seinen zwei Geschwistern aufgewachsen. Diese Leben heutzutage auch immer noch dort. Irgendwo im Nirgendwo hat er auch immer gesagt. Da wo die afrikanische Wüste und die paar Abflüsse des Sees sich treffen. Als er dann 16 Jahre alt war, glaube ich, hat er das Barfußleben verlassen um sich in Richtung Stadt zu begeben. Dort hat er dann alle Arten von Jobs gehabt, unter anderem auch Kilimanjaro-Porter, bis er sich sein eigenes Auto kaufen konnte. Jetzt lebt er in einer kleinen und sehr günstigen Wohnung die er im Zentrum von Arusha mietet und kommt von dort immer schnell und einfach zu den ganzen Stellen an denen die Leute wie wir abgeholt werden wollen. Und das ist er nun.. Unser Taxifahrer und Freund Hillary. Ich denke, dass er uns den Aufenthalt in Tanzania einerseits um einiges einfacher gemacht, hat denn es ist nicht immer einfach einen vertrauenswürdigen Taxifahrer zu finden. Ausserdem hat er uns immer Tipps und Tricks für verschiedenste Sachen gezeigt.

Zum Bsp. konnte er uns vieles zum Kilimanjaro sagen, da er dort ja für einige Zeit als Porter tätig war. Wir sind vom 7. bis zum 12. April 2016 auf dem Kili gewesen und sind in 4 Tagen von 1.400 Metern bis auf den 5.895 Meter hohen ‘Uhuru Peak’ geklettert und haben uns, und das sage ich mit etwas Stolz, als Gruppe dort hochgekämpft. Es war für uns eine wahre Herausforderung, da wir so gut wie unvorbereitet da hoch gelaufen sind und wir allein auf unsere schon bestehenden physischen Fähigkeiten gezählt haben. Angefangen hat das ganze, was viele für einen kleinen Wahnsinn hielten, mit einer Idee die meine Freunde nicht Ernst genommen haben. Als sie dann aber mit mir in Tanzania waren, haben wir das Thema aber konkretisiert und haben den Trip gebucht. Für 1100 USD bekamen wir 5 Träger für uns vier, plus einen Koch und zwei Guides. Eingeschlossen waren ausserdem die Parkkosten, weiteres Equipment und aber nicht das Trinkgeld für unser Team. Als dann eine gute neue Freundin auch in letzter Sekunde dazustoß, ging es für uns vier am 7. Juli ins Abenteuer! Jeder von uns hat sich bei dem Aufstieg mehrmals unwohl gefühlt.. Ob es mal an der Höhe und dünnen Luft, dem Essen oder der Kälte lag, wir wurden alle mal erwischt und hatten immer das backup der anderen. Und das war glaube ich auch der Hauptfaktor weshalb wir es überhaupt alle nach oben geschafft haben: wir waren ein Team und haben immer dem anderen zur Verfügung gestanden. Wir sind dabei die vier Tage den Berg hochgelaufen und dann 2 Tage wieder runter. Das runterlaufen fand ich persönlich am schwierigsten, da es da total auf die Knie geht. Jeder schritt geht einen halben Meter runter und dabei drückt sich das ganze Gewicht auf dieses eine Gelenk. Da halfen auch die Laufstöcke (speziell für den Abstieg mitgenommen) nicht grossartig viel. Das Besteigen des Kilimanjaro war glaube ich sehr repräsentativ für meine Reise in Tanzania. Eine Erfahrung die meine Beziehung zu Menschen gestärkt hat und die mir ein Abenteuer war. Es hat mir neue Ausblicke und tolle Freunde geschenkt.

Was mich dennoch bei dieser Reise am meisten zum nachdenken gebracht hat, ist nicht unbedingt wie vielleicht erwartet eine Meditation meinerselbst, aber viel mehr um die Gesellschaft und um das neue Umfeld dass mich dort umgab. Es warf mir fragen auf, ob z.B.  die starke Rassentrennung die dort zu spüren ist, auch so sehr in Europa empfunden wird? Ob auch, in den doch so fortschrittlichen Ländern des Nordens, wo sich doch alles um Toleranz und Integration (besonders in der Flüchtlingswelle die zurzeit über Deutschland und Europa rauscht) dreht, die Ausländer so ausgegrenzt werden? Empfangen die Syrer und anderen Einwanderer den gleichen misstrauischen Blick der Deutschen wie ich ihn der Tansanier erhielt? Ich habe diese Blicke jeden Tag, vier Monate lang in meinem Rücken gespürt und hatte nie das Gefühl wirklich von den Leuten angenommen zu sein, kein Teil von Ihnen zu sein und, dass immer dieses Misstrauen zwischen Ihnen und mir stehen würde. Wie ist das mit den Flüchtlingen in Europa? Werden sie wirklich aufgenommen? Geben wir Ihnen tatsächlich das Gefühl ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein oder wenigstens werden zu können?

In den großen Sporthallen so gut wie abgeschoben, bekommt man, zumindest in Berlin, ja nur wenige dieser Leute zu sehen. Aber wenn sich mal eine Person in der Strasse blicken lässt, die die Zweifel erwecken lässt ein Einwanderer zu sein, richten sich die meisten Blicke auf ihn, sowie es die Blicke in Afrika auf mich taten.

Verzeihen sie mir, dass die Erzählung meiner Reise auf ein politisches Thema abgeschweift ist, aber das war mir auf dem Gewissen und das ist tatsächlich, dass was ich, natürlich auch mit vielen unglaublichen Momenten und tollen neuen Freunden, glaube ich am meisten aus dieser Reise mitgenommen habe.

Victor Bernstorff

 

to be continued… „Volunteerarbeit in Arusha“

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