Das Miteinander-Interview

Das Vorgespräch (Sabine)

Nikolina streichelt zärtlich die verpackte kleine Stoffkugel vor ihrem Bauch. „Meinst Du, er hat zu heiß“, fragt sie mich? Er lächelt im Schlaf, sein Gesichtchen wie Kaolin, Porzellanerde, mit einer kleinen Kratzspur. Ihm geht es eindeutig wunderbar. Ihre Blässe ist durch den Schlafmangel durchscheinender, erinnert an Bergkristall. An der Theke der Alumni Lounge der ETH Hönggerberg in Zürich hole ich ihr eine „Schale“ (so nennt man hier Milchcafé) zum Wachwerden und einen Grüntee für mich. Heute wollen wir klären, ob sich die 33 jährige Ethnologin vorstellen kann mit mir monatliche Gespräche zu führen. Wir sehen uns erst das dritte Mal in unserem Leben, ihre Hand fasst nach meiner, ihre Hand ist kalt, aber ihre Augen versprühen Wärme beim Erzählen. Vom ersten Moment mochten wir uns, als sie ihre Hände von der Terrasse ihres Bauches nahm und sie mir freundlich zu Beginn meines Schreibcafés entgegenstreckte. Offenheit und Neugier auf Andere ist unser gemeinsamer Nenner.

Nikolina
Nikolina

Eigentlich führt Nikolina sonst Interviews, dieser Rollenwechsel reizt sie, sie liebt neue Erfahrungen. Ihr gefällt auch die Idee, das sie dadurch eigene Prozesse und Entwicklungen entdecken kann.„Wir sind frei darin, wie wir unsere Treffen gestalten, wir bestimmen gemeinsam“. Nikolina lächelt und erzählt von ihrer Dissertation: „Die politischen und philosophischen Praktiken und Logiken des Partizipationsparadigmas im Kontext lateinamerikanischer Demokratien“ , die Partizipation, die Teilhabe, das „Warum“ reizt die Ethnologin. Und da wäre noch ihr Lehrauftrag für eine Veranstaltung im neuen Semester, mehr ginge nicht. Ausser vielleicht noch mit benachteiligten Jugendlichen „ohne Punkt und Komma schreiben, ehrenamtlich“. Die Stoffkugel bewegt sich, „mal schauen“, nachdenklich herzt sie den Kleinen. Ein Köpfchen rudert umher, sucht die Brust, die runden Augen, blauholzblau, weit geöffnet. Wir lächeln uns zu. „Gutes Timing. Auf ein Wiedersehen.“

Sabine die Bachforelle oder die Tatsache, es einfach zu tun (Nikolina)

21. Mai 2015, rein kalendarisch ein Frühlingstag, aber eben, ein unberechenbar schweizerischer, windträchtiger und heute ein definitiv mürrischer. Manch einer würde sich fragen, wie die Liebe, die ja bekanntlich während dieser Jahreszeit in der Luft liegt, da nicht fortgeweht wird! Ich werde mich sogleich mit einer Frau treffen, die mit mir die Ansicht teilt, dass die Liebe vor allem an Bahnhöfen herumschwirrt, eben dort, wo Menschen häufig freien Herzens neue Wege beschreiten. Sabine. Mir gefällt die Art, wie sie an der Haltestelle Hönggerberg in Zürich querfeldein, fröhlich und leichten Schrittes mir entgegenkommt. Diese unbekümmert mädchenhaften Bewegungsabfolge kontrastiert eindeutig mit der ETH-Masse. Wie die Bachforelle gegen den Strom schwimmend, denke ich, jederzeit bereit, Hindernisse einfach zu „überspringen“. Sabine. Sie ist unmittelbar, offenherzig und grosszügig, hat sie mir doch gleich bei unserem ersten Treffen ihre Beraterdienste in Bezug auf mein künftiges Mamasein angeboten. Mamasein. Ich werde es jeden Tag ein bisschen mehr. Seit genau 11 Wochen staune ich jeden Tag über das Wunder Leben und die Tatsache, dass Leben Leben hervorbringt, aber eben nur Liebe Leben auch erblühen lässt. Diese Erfahrung liegt in Sabines Leben schon ein bisschen länger zurück, sie darf sich sozusagen schon deren Früchte erfreuen, in diesem Falle eines properen Sohnemannes, der auf die dreissig zugeht. Sabine. Sie trägt eine dunkel umrandete Lesebrille, die ihr gegenüber einlädt, ihr direkt in die Augen zu schauen. Das mag ich, obwohl sie sagt, dass sie sich ohne Brille besser gefalle. Also schauen wir uns eine Stunde lang schwatzend in die Augen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Verliebtsein durchaus einseitig verlaufen kann, Sympathie und Freundschaft aber grundsätzlich auf Gegenseitigkeit beruhen. Dies scheint hier der Fall zu sein. Sie sagt, ich erinnere sie irgendwie an sie selbst, als sie in meinem Alter war. Sabine. Einen biographisch-kreativen Workshop anzubieten sei schon immer ihr Traum gewesen. Da steckt Herzensblut drin. Sabine lebt, stelle ich fest. Das sei ja evident, könnte man argumentieren. Ist es eben nicht. Wie oft machen wir etwas nur gerade halbherzig, so als seien wir schon halbtot? Sie erzählt über das COEUR, ihre Idee, über mich zu schreiben. Einen Tag später expandiert dieser Vorschlag, Sabine schlägt vor, im Tandem zu schreiben. Ideen ändern sich, wie auch Standpunkte. Ich sage ja. Vor einem Jahr hätte ich ganz klar nein gesagt. Ganz in diesem Sinne schliesse ich diesen Text mit einem Zitat von Alejandro Jodorowsky:„Basta ya, duda de tus dudas, hazlo!“ und auf Deutsch: „Schluss damit, zweifle an deinen Zweifeln und tu es einfach.“

Sabine Meisel

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