Das erste Wiedersehen (Sabine)/ LosWachsen tut weh!? (Nikolina)

Das erste Wiedersehen (Sabine)

Ein heißer Sommertag. Nikolina wohnt, passend für eine Ethnologin, in einer Wohnsiedlung des Corbusierschülers, Georges-Pierre Dubois. Die Siedlung wurde zwischen 1968-70 erbaut und steht unter dem Schutz der Denkmalpflege.

Um die Tischtennisplatten im Garten springen vergnügt Kinder, Wortfetzen in verschiedenen Sprachen, lachende Multikulti-Gesichter. Früher galt diese Siedlung als Problemlage des subventionierten Wohnraums, nun wird sozial durchmischt, die Wohnungen auch mit besserverdienenden Mietern und Studenten belegt.

In der großzügigen und hellen Eingangshalle plätschert ein Brunnen, eine gewundene mäßige Steigung führt automatisch zu den Aufzügen. Die Wohnung überrascht auf drei Ebenen, einige Umzugskartons sind noch geschlossen. Nikolina ist gerade von der ersten in die dritte Etage gezogen. Sie brauchten mehr Platz. Durch die raffinierte Aufteilung auf drei Ebenen befinden wir uns im sechsten Stock.

Was schätzt Du, wie viele Nationen leben hier?“ frage ich Nikolina.

Sie lacht: „Gibt es wohl eine Nationalität, die hier nicht vertreten ist?“

„Und gibt es Gemeinschaftsräume?“

„Es gibt sogar spezielle für Jugendliche und noch diverse für Erwachsene.“

Da könntest Du Deine Idee mit den Jugendlichen umsetzen, mit ihnen kreativ schreiben.“

Nikolina zögert einen Moment: „Diese Idee musste fürs erste dem Kunstfestival, das ich für nächstes Jahr im Quartier organisiere, weichen. Das wird sehr arbeitsintensiv.“

Das Baby schläft noch, aber die junge Mutter ist wach und dynamisch. Ab nächster Woche steht die Krippen-eingewöhnung für den Kleinen an, er soll an zwei Vormittagen gehütet werden, damit Nikolina unterrichten und am anderen Vormittag an ihrer Doktorarbeit schreiben kann. Ihre Augen leuchten als sie davon erzählt. Nikolina freut sich auf den Unterricht mit den PH-Studenten, sie liebt es Lust am Denken zu vermitteln. Der Kleine wacht auf und hat Hunger. Auf seinem Babystuhl grinst er breit seine Mama an, der Gemüse-brei verziert ihn bis zu den Ohren. Zum Löffel stopft er noch seine beiden Händchen dazu, er zahnt. Nikolina strahlt das Baby an und stellt fest: „ Letzte Woche hatte ich zum ersten Mal etwas Luft, ein wunderbares Gefühl.“

 

LosWachsen tut weh!? (Nikolina)

Freitag, 8 Uhr morgens. Ich bin seit gut 3 Stunden wach, naja, wach war ich ja eigentlich die ganze Nacht oder besser gesagt die letzten vier Nächte. „Auf den Beinen“ ist daher wohl präziser ausgedrückt.  Unser Junge, mittlerweile 5 Monate alt, ist am „Zahnen“, welch Leid! Nicht ohne Grund zählte Girault – ein braunschweigischer Hofarzt – 1812 in einem Traktat für junge Mütter nicht nur „Heftiges Fieber, Krämpfe, konvulsive und epileptische Zuckungen“ zu den Zahnungssymptomen,  auch „ein Übermass an Wildheit ihres Körpers“  will er beobachtet haben. Ja, wild sind unsere Nächte seither in der Tat! „Zahnen“, wohlbemerkt, ist nicht etwa der Moment in dem das Zähnchen das Zahnfleisch jäh durchbohrt, schön wär‘s! Nein, es ist der ganze vorhergehende und zeitlich nicht absehbare Prozess, dieser berühmt berüchtigte laaange und dunkle Moment, bevor die Sonne aufgeht. Das lang ersehnte Zähnchen ist ja grundsätzlich sehr willkommen, ermöglicht es uns, die externe Versorgungsquelle loszulassen, um schrittweise die Verantwortung für unsere biologische Reproduktion, selbst „in den Mund“ zu nehmen. Aber eben, loslassen impliziert auch das Loslassen der mitschwingenden Vorzüge. So kann auch der leckerste Brei mit der wunderbar einlullenden und trostspendenden Körperwärme der Eltern, die sich bei der Fütterung mit Brust/ Fläschchen über das Kind legt, nicht mithalten. Wenn dieses Loswachsen bloss nicht so wehtun würden! Stoppstoppstopp! korrigiere ich mich sogleich und ersetze – schnellen Schlussfolgerungen generell skeptisch gegenüber – den Punkt durch ein Fragezeichen. Tut wachsen weh? Muss wachsen wehtun? Soll wachsen wehtun? Ist da etwas zu tun oder nicht? Macht Schmerz Sinn? Unverzüglich werde ich mir der moralphilosophischen Tiefe dieser Fragen bewusst. Stoppstoppstopp! bremse ich mich erneut! Dieser einseitig-vielseitige Blogg erlaubt solche Ausschweifungen nicht, es ist schlicht ein „zu weites Feld“ und ausserdem läuft meine Denkmaschine an diesem nebligen Zürcher Morgen auf Sparflamme. Und so lenke ich meinen Gedankenfluss Richtung Sabine, die mich vor zwei Wochen zu Hause besucht hat. Bestimmt ist sie gerade dabei, ihre Reise nach Malaga, die der Recherche ihrer  Novelle dienen soll, vorzubereiten. Wie wunderbar! denke ich ein bisschen wehmütig. Kurz ein paar Klamotten einpacken, Tickets checken und mit diesem wohlbekannten Gefühl unverschämter Leichtigkeit im Handgepäck ab Richtung Unbekanntes, ahhhhhhhhhhhhhhh, Neid!! Obwohl wenn ich es mir recht überlege, die einzige Reise, die ich mir gerade vorstellen kann, ins Land der Träume führt, wie meine bis zum Bauchnabel reichenden Augenringe bezeugen mögen. Sabine, ich muss dich kurz stören in deiner von mir hineinprojizierten Leichtigkeit des Seins, dort oben über den Wolken. Hast du doch ein paar Jährchen mehr auf dem, nein, Buckel hört sich schrecklich an! Ich bevorzuge: ein paar Jährchen mehr in deiner Lebensschatzkammer und wohl so manchen „Zahnschmerz“, wie man sieht, wunderbar überstanden! Sollen wir unserem Wachstumsschmerz einfach den Garaus machen, fiz faz wegzaubern und uns bedenkenlos des Schlaraffenlandes, das uns die Pharmaindustrie bietet, erfreuen? Oder gibt es womöglich einen statistisch errechenbaren Preis, den es für Schmerzlosigkeit zu zahlen gilt – ich meine ja nur für den Fall, dass man in Erwägung ziehen sollte, sich rational und berechnend diesen Fragen zu stellen. Mir kommen Zweifel an der fiz faz Methode. Ich denke an die Geburt meines Sohnes zurück, auch hier wieder ein Loslassen, ein für Mutter und Kind Wachstum ermöglichendes Abnabeln. Ich habe ihn mit Hilfe von PDA geboren. Nicht aus Prinzip oder so, nein, eher pragmatisch im Sinne von: Ich gib mein bestens und schau ob‘s klappt, falls nicht, soll Abhilfe her. Sie war lange, die Geburt und irgendwann gab es nur noch Schmerz, so allmächtig, als würde sich das „Selbst“ darin auflösen. Unerträglich. Ich schrie nach PDA und bekam PDA. Dann schlief ich ein paar Stunden, um Kraft zu sammeln. Schliesslich hiess es, an mich und meinen Mann gewandt: Aufwachen, ihr Söhnchen will jetzt rausgepresst werden! Ich erinnere mich noch perfekt daran wie ich presste und presste und dabei staunend dachte: Welch Kinderspiel im Vergleich zur vorangegangenen Tortur, das könnte ich stundenlang machen! Und dann kam dieses kleine Menschlein auf die Welt, einfach so…! Irgendwie unspektakulär und inadäquat, empfand ich, als hätte man diesem grossen Ereignis den Wind – oder eben, den Schmerz –aus den Segeln genommen. Heute begreife ich, dass dies wohl der Preis war. Manchmal scheinen Schmerzen Sinn zu machen, denke ich. Und dennoch kann man sich gegen sie entscheiden. Das ist gut so.

Sabine Meisel

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