Begegnung

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Der Tag beginnt meist mit einem Kaffee, der die Lebensgeister wecken soll. Um mich herum sehe ich viele andere Zugfahrer, ebenfalls mit einem Kaffee gerüstet und mit Musik in den Ohren in den Tag startend. Ich frage mich oft, was für Musik sie hören. Brauchen die Menschen morgens laute Töne, um wach zu werden, oder eher ruhige Klänge, um den Tag entspannt zu beginnen? Mit dem Pappbecher in der Hand geht es dann zum Gleis 13, an dem mein Zug schon bereit steht. Momentan pendle ich drei mal pro Woche täglich acht Stunden – vier Stunden hin und vier Stunden zurück. Das ist viel Lebenszeit, die man im Zug verbringt und die man als Student – so könnte man meinen – hervorragend zum Lernen nutzen könnte.

Im Zug gibt es jedoch viel Ablenkungspotenzial: Da wären beispielsweise anregende Gespräche, denen man meist zunächst unfreiwillig lauscht und die einen anschließend in ihren Bann ziehen, oder spannende Bücher, die einen plötzlich fesseln, obwohl sie zu Hause jahrelang unangetastet im Regal vor sich hin vegetierten. Außerdem habe ich auf meinen Zugfahrten schon einige interessante Begegnungen gemacht.

Vor ungefähr drei Jahren traf ich einen Mann mittleren Alters aus Afghanistan, der sich neben mich setzte, da neben seiner Frau und seinen Kindern kein Platz mehr frei war. Recht schnell kamen wir ins Gespräch und unterhielten uns über persönliches. So erzählte er mir von der komplizierten politischen Lage in seinem Heimatland, in dem seine Eltern noch immer wohnten und davon, dass er sich mit seiner Familie ein Leben in Deutschland aufbauen möchte. Ich erinnere mich an seine Offenheit und an die Dankbarkeit, die in seinen Worten mitschwang. Es war eine inspirierende Begegnung. Ich erinnere mich auch an eine ältere Dame, der ich einst auf einer Zugfahrt begegnete. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade frisch im Studentenleben angekommen und mein Lebensinhalt bestand hauptsächlich darin, keine Party zu verpassen und rastlos von einem Ort zum nächsten zu hetzen. Lächelnd reichte mir die Dame eine Tomate aus ihrer Tupperdose und so nährten wir uns einander an. Ihre Ausstrahlung vermittelte das Gefühl von Ruhe und Wärme. Die Tomate, so sagte sie, müsse genossen und wertgeschätzt werden, so wie alles andere im Leben auch. Als wir bemerkten, dass wir beide polnische Wurzeln haben, führten wir unsere Unterhaltung auf polnisch fort, was der Situation noch mehr Vertrautheit verlieh. Sie erinnerte mich für eine kurze Zeit an meine Heimat.

Neben solch inspirierenden Begegnungen gibt es natürlich auch die unangenehmen, die in dem Sinne „bewegend“ sind, als dass man am liebsten schreiend davonlaufen würde. Des Öfteren passiert es, dass man (oder Frau) unangenehm von der Seite belästigt wird. Als Belästigung gilt meines Erachtens, neben plumpen Anmachsprüchen, auch das zwanghafte und unerwünschte Verwickeln in ein Gespräch.

Wenn man sich dann doch mal dazu überwindet seine Lernunterlagen aus den Tiefen seiner Tasche heraus zu graben, gibt es natürlich immer jemanden, der meint, die anderen Fahrgäste an seinem Telefonat teilhaben lassen zu müssen oder eine Horde von Schulkindern, die seltsamerweise immer meinen Waggon ansteuert. Sobald auch nur die ersten Kinderstimmen ertönen, seufzen die Fahrgäste um mich herum und es scheint als versuchten sie sich mental mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Wäre es jedoch nicht möglich, dass uns ein Kinderlachen an einem grauen und tristen Morgen den Tag verschönern könnte?

Meistens erhöhen wir stattdessen die Lautstärke unserer Musik, schauen gedankenverloren aus dem Fenster oder auf unser Smartphone und blenden aus, was um uns herum passiert, wodurch die Möglichkeit einer inspirierenden Begegnung oder eines herzerfrischenden Kinderlachens von vornherein verhindert wird. Nachdenklich betrachten wir die vorbeiziehenden Landschaften, nippen an unserem Kaffee und hoffen darauf, dass uns dieser Tag doch noch etwas erfreuliches bringt.

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